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Die Wikinger und ihre Siedlungen

Jenseits des Mythos

Die Wikinger haben im Bewusstsein der Populärkultur eine Gestalt angenommen, die mit der historischen Wirklichkeit nur lose verbunden ist: gehörnte Helme (die es nie gab), bloße Plünderer und Brandschatzer (die es zwar gab, aber neben viel anderem). Die archäologischen Funde der letzten Jahrzehnte zeigen ein differenzierteres Bild: Menschen des späten 8. bis frühen 11. Jahrhunderts, die in einer Welt zwischen Handel und Raub, Fernreise und Sesshaftigkeit lebten, und die ein Netz von Städten, Marktplätzen, Befestigungen und Kultplätzen hinterließen, das von Neufundland bis nach Nowgorod reichte.

Der Begriff 'Wikinger' bezeichnet eigentlich die Aktivität – das Rauben und Handeln auf Seereis – nicht eine ethnische Gruppe. Die Bewohner Skandinaviens der Wikingerzeit (ca. 793–1066 n. Chr.) waren Bauern, Fischer, Handwerker und Händler; ein kleiner Teil fuhr als Wikinger auf Raubzüge oder in fremde Dienste.

Hedeby und Birka: die frühen Handelsstädte

Die frühesten und bedeutendsten wikingerzeitlichen Handelsstädte Skandinaviens sind Hedeby im heutigen Schleswig-Holstein und Birka auf der Insel Björkö im Mälarsee westlich von Stockholm. Hedeby, gegründet um 800 n. Chr. und im frühen 11. Jahrhundert nach einem Überfall zerstört, war einer der größten Umschlagplätze des Nordseeraums: Pelze, Sklaven, Silber, Tuch, Keramik und Glasperlen wechselten hier den Besitzer. Die archäologischen Schichten sind außergewöhnlich dicht; das benachbarte Museum Hedeby und die Ausgrabungen auf dem Halbkreiswall zeigen das Stadtgefüge. Birka, etwas älter und bis etwa 975 n. Chr. aktiv, ist seit 1993 UNESCO-Welterbe. Die Nekropole mit rund 3000 Hügel- und Flachgräbern ist eine der reichsten wikingerzeitlichen Grablandschaften Skandinaviens; ein 2017 als weiblich identifiziertes Kriegergrab hat die Forschungsdebatte über Geschlecht und Kampftätigkeit in der Wikingerzeit neu entfacht.

Kaupang und Ribe

In Norwegen erfüllte Kaupang in der Vestfoldregion eine ähnliche Funktion wie Birka. Die Siedlung war zwischen etwa 800 und 930 n. Chr. bewohnt und zeigt eine dichte Handwerksbebauung mit Metallverarbeitung, Kammherstellung aus Rentiergeweih und Glasperlenproduktion. Das Gräberfeld von Kaupang ist reich dokumentiert; Ausstellungsstücke befinden sich im Kulturhistorischen Museum Oslo.

In Dänemark gilt Ribe als die älteste Stadt Skandinaviens, mit Anfängen um 710 n. Chr. als saisonaler Marktsiedlung. Ribe entwickelte sich zu einem wichtigen Münzprägezentrum und ist noch heute eine der besterhaltenen Kleinstädte Dänemarks. Das Archäologische Museum Sydvestjylland präsentiert die Befunde aus der Wikinger- und frühen Mittelalterzeit.

Die Trelleborg-Ringburgen

Im späten 10. Jahrhundert errichteten dänische Könige – wahrscheinlich unter Harald Blauzahn oder seinem Sohn Sven Gabelbart – eine Reihe geometrisch präzise angelegter Ringburgen: Trelleborg auf Seeland, Aggersborg, Fyrkat und Nonnebakken. Die kreisrunden Wälle umschließen ein streng symmetrisches System aus langen Hallenhäusern; Trelleborg auf Seeland hat einen Durchmesser von rund 136 Metern, Aggersborg ist mit fast 240 Metern die größte. Ihre Funktion – Militärlager, Rekrutierungsstätte für Englandfeldzüge, Demonstration königlicher Macht – ist immer noch Gegenstand der Forschung. Trelleborg ist gut besuchbar und verfügt über ein rekonstruiertes Wikingerlanghaus.

Groß Raden und die slawisch-skandinavische Grenzzone

Im südlichen Ostseeraum vermischten sich wikingerzeitliche und slawische Kulturen. Groß Raden in Mecklenburg-Vorpommern bewahrt Überreste einer frühmittelalterlichen slawischen Burg (Ringwall) und eines Tempelkomplexes, der unter anderem einen Palisadentempel zeigt. Der zugängliche Freiluftbereich gibt einen Eindruck von den befestigten Siedlungen dieser Übergangszone zwischen nordischer und westslavischer Welt.

L'Anse aux Meadows und die nordatlantische Expansion

Die geographisch weiteste Ausdehnung wikingerzeitlicher Besiedlung liegt in Nordamerika: L'Anse aux Meadows auf der Nordspitze von Neufundland, Kanada. Die Stätte, um 1000 n. Chr. errichtet und nur kurze Zeit genutzt, ist der einzige archäologisch gesicherte präkolumbische europäische Siedlungsort auf dem amerikanischen Kontinent. Acht Rasenhäuser, eine Schmiede und ein Bootslager sind erhalten; seit 1978 ist die Stätte UNESCO-Welterbe. Sie entspricht dem in den Isländersagas beschriebenen Vinland-Lager, was eine der seltenen direkten Verbindungen zwischen Sagaliteratur und archäologischem Befund darstellt.

Island und Grönland wurden von norwegischen Siedlern im späten 9. und frühen 10. Jahrhundert besiedelt. In Island hat Þingvellir – das älteste erhaltene Parlament der Welt, gegründet 930 n. Chr. – UNESCO-Welterbestatus.

Osebergschiff und die Grabhügel von Vestfold

Schiffsgräber sind die dramatischsten Zeugnisse wikingerzeitlicher Bestattungskultur. Das Osebergschiff, 1904 aus einem Grabhügel in Vestfold, Norwegen, geborgen, ist eines der besterhaltenen wikingerzeitlichen Schiffe überhaupt. Es enthielt die Überreste zweier Frauen, vermutlich einer hochrangigen Dame und ihrer Begleiterin, sowie eine Fülle von Grabbeigaben: Schlitten, Wagen, Textilien, Tierknochen. Das Schiff selbst ist ein Meisterwerk des Bootsbahnhandwerks. Das Wikingschiff-Museum in Oslo zeigt das Osebergschiff zusammen mit dem Gokstad- und dem Tuneschiff.

Die Grabhügellandschaft von Borre, ebenfalls in Vestfold, war über Jahrhunderte die Grablege norwegischer Könige und enthält die größten erhaltenen Hügelgräber Skandinaviens.

Was heute zu besuchen ist

Das Spektrum zugänglicher Stätten ist breit: von den Runensteinen von Jelling in Dänemark (UNESCO-Welterbe), die Harald Blauzahn als Denkmal für seine Eltern und als Zeugnis seiner Christianisierung Dänemarks errichtete, bis zum rekonstruierten Wikingermarkt in Ribe oder den Ausgrabungsstätten in York (Jorvik), wo skandinavische Siedler im 9. und 10. Jahrhundert eine florierende Stadt aufbauten. Das Jorvik Viking Centre veranschaulicht das Stadtleben der Wikingerzeit auf Basis der Ausgrabungen der 1970er und 1980er Jahre.

Die Karte öffnen, um wikingerzeitliche Stätten von Skandinavien über die britischen Inseln bis nach Nordamerika zu erkunden und die Routen dieser außergewöhnlichen seefahrenden Gesellschaft nachzuvollziehen.

Eine Gesellschaft in Bewegung

Was die Wikinger-Ära letztlich auszeichnet, ist die enorme geographische Spannweite einer Gesellschaft, die keine zentralisierte staatliche Infrastruktur hatte: Händler aus Norwegen, die in Bagdad arabische Dirhamsilbermünzen sammelten; Dänen, die im Jahr 886 Paris belagerten; Schweden, die als Waräger in byzantinische Dienste traten. Die Ruinen ihrer Städte, Burgen und Schiffsgräber sind über einen halben Kontinent verstreut.