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Die 10 bedeutendsten antiken Ruinen in Magna Graecia

Magna Graecia — 'Großgriechenland' — war der antike Name für jenen Gürtel griechischer Kolonialstädte, der sich ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. entlang der süditalienischen Küste und in Sizilien erstreckte. Stadtgründungen wie Syrakus, Tarent, Kroton und Neapel wurden von griechischen Poleis wie Korinth, Sparta, Achaia und Rhodos angelegt und entwickelten sich zu blühenden Metropolen, die in Kunst, Philosophie und Stadtbau nicht hinter ihren Mutterpoleis zurückstanden. Pythagoras lebte in Kroton, Archimedes in Syrakus. Die Tempel, die in dieser Landschaft stehen — auf Kaps über dem Tyrrhenischen Meer, in Flusstälern Siziliens, auf Hügeln über der Kalabrese — gehören zu den am besten erhaltenen Zeugnissen griechischer Sakralarchitektur überhaupt.

1. Paestum (Poseidonia), Kampanien

Paestum, das antike Poseidonia, wurde um 600 v. Chr. von Kolonisten aus dem achäischen Sybaris gegründet und ist heute der Ort mit den drei besterhaltenen griechischen Tempeln der Welt. Der Neptuntempel (auch als Heratempel II bezeichnet, ca. 460–450 v. Chr.) gilt als vollendetstes Beispiel des dorischen Stils im griechischen Westen. Der sogenannte Basilica (in Wirklichkeit ein Heratempel, ca. 550 v. Chr.) und der Athenatempel (ca. 500 v. Chr.) vervollständigen das Ensemble. Das Nationalmuseum Paestum bewahrt die einzigartigen bemalten Grabplatten der lukan. Periode (4. Jahrhundert v. Chr.), darunter das berühmte 'Grab des Tauchers' mit seiner Allegorie auf den Tod. UNESCO-Welterbe seit 1998.

2. Tal der Tempel (Agrigent), Sizilien

Das Tal der Tempel in Agrigent (das antike Akragas) gehört zu den außergewöhnlichsten archäologischen Stätten der Welt. Entlang eines flachen Kammgratts über dem Mittelmeer stehen sieben dorische Tempel aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. in verschiedenen Erhaltungszuständen: Der Concordia-Tempel (ca. 440 v. Chr.) ist nach dem Parthenon der besterhaltene griechische Tempel überhaupt; der Herculestempel (ca. 500 v. Chr.) und der Iuno-Lacinia-Tempel (ca. 450 v. Chr.) bieten dramatische Ruinensilhouetten. Akragas war zur Zeit seiner Blüte im 5. Jahrhundert eine der größten Städte der griechischen Welt. UNESCO-Welterbe seit 1997.

3. Selinunte, Sizilien

Selinunte (Selinus), an der Südwestküste Siziliens, wurde im 7. Jahrhundert v. Chr. von Kolonisten aus Megara Hyblaea gegründet und ist bekannt für seine ausgedehnte, weitgehend ungegrabene Stadtanlage sowie für mehrere monumentale Tempel. Der 'Tempel E' (5. Jahrhundert v. Chr., aus dem Sturz wiederaufgerichtet) und der 'Tempel C' (6. Jahrhundert v. Chr., mit erhaltenen Metopen im Regionalmuseum Palermo) repräsentieren die architektonische Ambition der Stadt. 409 v. Chr. wurde Selinunte von einem karthagischen Heer unter Hannibal Mago zerstört und nie wieder vollständig bewohnt. Die riesigen Trümmerfelder umgestürzter Säulentrommel haben eine eigene, bedrückende Grandeur.

4. Segesta, Sizilien

Segesta war keine griechische, sondern eine elymische Stadt — also einer der vorhellenischen Bevölkerungen Siziliens — und dennoch beherbergt sie einen der imposantesten dorischen Tempel der Antike. Der unvollendete Tempel (ca. 420 v. Chr.) — die Stylobat-Säulen stehen noch, die Decken fehlen, die Kapitelle sind unfertig — zeigt eine geheimnisvolle Konservierung des Bauprozesses. Ein kurzer Weg führt zum griechischen Theater des 3. Jahrhunderts v. Chr., von dem aus man einen Panoramablick über die sizilianischen Berge und das Meer genießt. Segesta ist ein eigenständiges Nationaldenkmal, keine Ausgrabungsstätte im engeren Sinne.

5. Metapontum, Basilikata

Metapontum (Metaponto) an der ionischen Küste der Basilikata wurde im späten 7. Jahrhundert v. Chr. von achaischen Kolonisten gegründet und war einer der wohlhabendsten Orte in Magna Graecia während des 6. und 5. Jahrhunderts v. Chr. Die 'Tavole Palatine' — fünfzehn erhaltene Säulen des Heratempels (ca. 530 v. Chr.) — sind das Wahrzeichen der Stätte. Das Antikenmuseum Metaponto zeigt Funde aus der Stadt und aus dem Sanctuary der Artemis Bendis; besonders bemerkenswert ist eine Sammlungvon Votivterrakotten und Münzen. Hier soll Pythagoras gegen Ende seines Lebens Zuflucht gefunden haben und gestorben sein.

6. Syrakus (Siracusa), Sizilien

Syrakus, von Korinthern um 733 v. Chr. gegründet, war die größte und mächtigste griechische Stadt des Westens. Im 5. Jahrhundert v. Chr. schlug sie die athenische Expedition ab (413 v. Chr.) und prägte damit den Verlauf der gesamten griechischen Geschichte. Der griechische Tempel des Apollo aus dem 6. Jahrhundert v. Chr. steht noch immer aufrecht in der modernen Altstadt; der Apollontempel und der monumentale Zeustempel sind integriert in die spätere Stadtbebauung. Das Teatro Greco (5. Jahrhundert v. Chr.) — überarbeitet in der römischen Periode — wird noch immer für Aufführungen genutzt. Das Archäologiemuseum Paolo Orsi ist eines der bedeutendsten Siziliens.

7. Tarent (Taranto), Apulien

Tarent (Taras) wurde 706 v. Chr. von spartanischen Kolonisten gegründet und war die mächtigste Stadt Magna Graeciae. Die sichtbaren antiken Überreste sind heute bescheiden — die Stadt lebt über den antiken Resten —, aber das Nationalmuseum Taranto bewahrt eine der bedeutendsten Sammlungen griechischer Goldschmiedekunst und Keramik der Welt: Prunkvasen, Diademe, Terrakottafigurinen und die sogenannten 'tarentinischen' Sarkophage. Unter der modernen Stadt liegen ungegrabene Tempel und Theater; Gelegenheitsfunde bei Bauarbeiten sind häufig.

8. Kroton (Crotone), Kalabrien

Kroton (heute Crotone) an der kalabrischen Küste wurde um 710 v. Chr. von achaischen Siedlern gegründet und war im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. eine der einflussreichsten Städte der antiken Welt. Hier lehrte Pythagoras und gründete seine philosophisch-religiöse Schule. Die bedeutendsten antiken Überreste sind nicht in der Stadt selbst, sondern am Vorgebirge Lacinium (Capo Colonna): Dort steht eine einzige wiederaufgerichtete Säule des gewaltigen Heratempels, der einer der bedeutendsten Heiligtümer der gesamten westgriechischen Welt war. Das Nationalmuseum Crotone präsentiert Funde aus Heiligtum und Stadt.

9. Locri Epizefiri, Kalabrien

Locri Epizefiri an der tyrrhenischen Seite Kalabriens wurde um 700 v. Chr. von Lokrern (nach der Überlieferung ozolischen oder opuntischen Lokrern) gegründet. Die Stadt ist archäologisch vor allem bekannt für ihr Heiligtum der Persephone, das eine enorme Menge an Ton-Votivgaben erbracht hat — Reliefpinakes mit mythologischen Szenen, die zu den feinsinnigsten Terrakottawerken der griechischen Welt zählen. Das Nationalmuseum Locri zeigt Hunderte dieser Reliefs in einer beeindruckenden Schaudepot-Präsentation. Im Gelände selbst sind Stadtmauern, ein Theater und Tempelreste erkennbar.

10. Elea (Velia), Kampanien

Elea (auch Hyele oder Velia) wurde um 535 v. Chr. von phokäischen Flüchtlingen aus Kleinasien gegründet. Die Stadt ist vor allem als Heimat der eleaten Philosophenschule — Parmenides, Zenon — bekannt, hatte aber auch archäologisch bemerkenswerte Überreste. Eine gut erhaltene Stadtmauer, ein Hafen-Kanal, ein hellenistisch-römisches Theater und das 'Porta Rosa' — eines der frühesten erhaltenen Kragbogenportale der westgriechischen Welt — sind zugänglich. Das Ausgrabungsgelände liegt im Nationalpark Cilento, und die Kombination aus antiker Stätte und wilder Küstenlandschaft macht Elea zu einem besonders lohnenden Besuchsziel. UNESCO-Welterbe seit 1998 (Teil des Cilento-Komplexes).

Praktische Hinweise

Die süditalienischen Stätten (Paestum, Metapontum, Locri, Elea) sind von Neapel, Salerno oder Reggio Calabria aus per Zug oder Mietwagen erreichbar; Paestum ist besonders gut per Bahn erreichbar. Sizilien (Agrigent, Selinunte, Segesta, Syrakus) bietet beste Verbindungen von Palermo und Catania; Mietwagen sind für die Stätten im Inselinneren empfehlenswert. Die beste Reisezeit ist Frühling (April–Juni) oder Frühherbst (September–Oktober). Karte öffnen und alle griechisch-kolonialen Fundorte Süditaliens auf der interaktiven Karte entdecken.